Anna hat geschrieben:Extrovertiert handeln, (notfalls) auch im kleineren Rahmen, stabilisiert/entwickelt/zeigt die Persönlichkeit.
Ich glaube, das kann ich bestätigen. Aber nicht unbedingt leicht ist es, wenn die (manischen) Voraussetzungen fehlen. Und wenn doch, erleichtert es möglicherweise die Überlagerung innerer, wahrer Gefühlswelten. So war es vielleicht bei Enke.
Gerade das Internet ist aber wohl so ein Raum, wo man auch (und gerade) unter depressiven Bedingungen extrovertiert in Erscheinung treten kann.
Roland hat geschrieben:Denn die Depression wird ja mittlerweile fast ausschließlich als eine rein organische Fehlfunktion gedeutet, die auch auf dieser Ebene zu beheben ist.
Eben. Das reduktiv-mechanistische Weltbild ist ideal um jede gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu leugnen und abzulehnen. Es geht Hand in Hand mit dem (sozial-)rassistischen Weltbild, das insbesondere das pathologisiert, was sich als inkompatibel zu dehumanisierenden gesellschaftlichen und vor allem Leistungsnormen zeigt.
Wenn ich jetzt lesen muss, dass Depression "enttabuisiert" werden müsse, als Antwort auf den Suizid eines Prominenten, kommt mir echt die Kotze hoch. Also ganz davon abgesehen, dass nur der Tod von Berühmt- und Beliebtheiten die Massen(medien) mal aus ihrer Alltagsfunktionalität reißt, und die Psycho-Hygiene-Industrie, also die Psychiatrie, hier natürlich Morgenluft wittert, um den in dieser degenerierten Herrschaftskultur still vor sich hin leidenden Teil der Menschen in ihre sowieso schon überfüllten Anstalten und Praxen zu treiben, heißt "Enttabuisierung" hier ja nichts anderes, als Pathologisieren bzw. Verfestigung der ideologischen Strukturen, die erst zur Pathologisierung und damit zur Tabuisierung geführt haben.
Das erinnert auch frappierend an die Tabuisierung von Homosexualität, auch vor allem im Fußball - der regelmäßig mit bescheuerten Ermutigungen zum "Outing" begegnet wird. Also mit genau derselben Pseudo-Enttabuisierung, die die Tabuisierungs- oder Diskriminierungsstrukturen tatsächlich nur bestätigt und verstärkt.
So genug (ent-)tabuisiert für heute.

Roland hat geschrieben:Dazu kommt ja noch, dass niemand die Frage thematisiert, ob Enke nicht bereits diese Art von Medikamenten genommen hatte (eher wahrscheinlich) und inwieweit diese vielleicht sogar dazu beigetragen haben, ihn in den Selbstmord zu treiben. Nee, schon klar, kann ja nicht sein, das Zeug ist ja nur gut und hat ihn sicher länger am Leben gehalten.
Das ist eine ganz wichtige Frage! Dann wird die Sache nämlich richtig heikel. Denn sollte sich heraus stellen, dass Enke Antidepressiva zu sich genommen hat, wird klar, dass sein Suizid eigentlich schon anhand jüngster medizinischer Alltagserkenntnisse, und erst recht mit dem Wissen um die NM, hätte verhindert werden können. Wenn sie denn mal an eine breite Öffentlichkeit gelangen würden. Aber so kann sich das Pharmasystem möglicherweise eine weitere Leiche auf ihr Profit-Konto gutschreiben lassen.
Momo hat geschrieben:Der Zugführer und die Polizisten, die den Dreck nachher wegräumen mussten. Die durften so lange suchgen, bis auch das kleinste Teilchen gefunden war. So jedenfalls kenne ich das noch von früher von meinem Vater.
Stimmt, das sind auch arme Schweine. Und wenn wir schon dabei sind, auch die Zuggäste, die möglicherweise mehrere Stunden im Zug sitzen bleiben müssen (bis alles weggeräumt ist) und dann zusehen können, wie sie dahin kommen, wo sie hin wollen. Hab ich auch einmal mitgemacht, den Mist. Aber natürlich ist das nichts gegen das persönliche Leid des Betroffenen, und derjenigen, die ihn von den Gleisen holen müssen...