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Lasst uns das Spiel ändern

Ich habe immer gern gespielt. Keine Brettspiele, die fand ich meist langweilig. Der Skype-Avatar von Christopher RayUnd wenn schon nicht langweilig, dann doch frustrierend, besonders wenn ich dutzende Male hintereinander gegen meinen Vater beim Dame-Spiel verlor. Mit meinem Bruder spielten wir häufig Indianer, oft auch einfach nur Fußball oder Verstecken. Manchmal bauten wir uns Hütten, entweder aus Ästen und Zweigen oder verbotenerweise in der Lagerhalle der LPG aus Strohballen. Eine Zeitlang war ich geradezu süchtig nach den Lemmingen und brachte Nächte damit zu, die kniffeligen Aufgaben zu lösen. Vor ein paar Jahren schließlich stieß ich auf World of Warcraft und brachte meine Familie dazu, mitzuspielen.

Dabei zeigten sich interessante Unterschiede. Dieses Rollenspiel erlaubt ein gewisses eigenständiges Agieren und Entscheiden darüber, was man in diesem Spiel gern tut. Es gibt Spieler, die am liebsten ins Schlachtfeld ziehen und dort gegen die gegnerische Fraktion kämpfen. Es gibt andere, die gern Schlachtzüge veranstalten. Das heißt, sie gehen in einer Gruppe in Instanzen, wo sie gegen mehr oder weniger starke und wehrhafte Bosse antreten. Wieder andere questen lieber, lösen also Aufgaben, die es in jedem Gebiet gibt, um dafür Gold und andere Belohnungen zu erhalten. Noch andere sammeln einfach nur Kräuter oder Erze um sie später im Auktionshaus zu verkaufen. 

Es gibt die Pros, wie sie genannt werden. Das sind Spieler, die das Spiel fast professionell betreiben. Kommt eine neue Erweiterung mit neuen Bossen heraus, nehmen sich die Spieler ihrer gesamten Gilde Urlaub, um die Ersten zu sein, die die neuen Schlachtzuginstanzen clearen. Um so gut zu sein, muss man täglich stundenlang trainieren. Man muss seine Spielfigur durch und durch verstehen. Man muss zu ihr werden. Gilden mit solchen Spielern sind weltweit berühmt. Sie haben sogar ihre eigenen Groupies, Spieler, die ihnen auf jeden Server hinterher ziehen, um in ihrer Nähe zu sein. 

Die meisten Spieler allerdings sind Gelegenheitsspieler. Menschen, die einfach mal ein paar Stunden am Abend questen oder in Instanzen laufen, bisschen chatten, sich dabei entspannen. Ich selbst war immer ein mittelmäßiger Spieler. Ich habe mich nicht allzu dumm angestellt, egal ob als Tank, als Heiler oder als Damage Dealer. Aber für richtig trickreiche Instanzen hat mein Können nur als Mitläufer gereicht.

Mein jüngerer Sohn hätte das Zeug zum Pro, wenn es ihn denn interessieren würde. Mein älterer Sohn war Sammler. Er sammelte alles. Vor allem Kräuter und Erze, bei denen er regelmäßig die Gelegenheit verpasste, sie zu Gold zu machen. Aber auch seltene Gegenstände, oder einfach nur Crap, wie der WoWler sagt.

Mein Mann hat nur mitgespielt, damit wir auch das zusammen tun konnten. Waren wir mit unseren Charakteren in einer lustigen Gilde, machte er sich schnell einen Namen, weil er immer die passenden Sprüche hatte und oft auch gute Taktikideen. Da er aber durch seine reine Mausklickerei nicht schnell genug war, um als Spieler immer ganz oben zu stehen, wussten nicht alle Gildenmitglieder das zu schätzen. Viele von den Spielern stecken noch in der Pubertät, andere sind gerade aus dieser Phase heraus und selbst die älteren Spieler neigen oft zu einem sehr Egolastigen Umgang. Wie im wahren Leben halt.

Chris hat in einem seiner Videos, als es ums Ego geht, World of Warcraft als die Karikatur unseres Lebens bezeichnet. Das fand ich damals schon ausgesprochen passend. Seit er auf der anderen Seite ist, wird mir klar, dass der Unterschied zwischen Diesseits und Jenseits wieder einmal mit WoW vergleichbar ist. Man kann in World of Warcraft Instanzen und Schlachtzüge im Normalmodus durchspielen. Man kann aber auch den Hard Mode wählen. Der Hard Mode ist wesentlich schwerer. Die Gegner sind stärker und trickreicher, es gibt viel mehr Möglichkeiten zu scheitern und man braucht nicht nur einfach Geschick, Übung und Ausdauer, um durchzukommen, sondern vor allem auch viel Glück.

Das Diesseits, die feststoffliche Welt, in der wir als Menschen agieren, ist der Hard Mode. Das Jenseits, die geistige Welt, die Anderswelt, ist der Normalmodus. Es ist, als ob wir, wenn wir in diesem Teil des Spiels inkarnieren, eine besondere Herausforderung annehmen wollen, ohne uns zuvor klar zu machen, um wieviel schwerer sie zu lösen ist, als im Normalmodus. Denn hier sind wir an einen Körper gebunden. Und dieser Körper beengt uns, er begrenzt uns, er macht uns anfällig.

Warum sagen so viele Menschen, dass Gesundheit das Wichtigste sei? Weil der Hard-Mode leichter zu meistern ist, wenn der Körper nicht voller Krankheiten, Schmerzen und Problemen steckt. In diesem Teil des Spiels fehlen uns wichtige Fähigkeiten, unsere Waffen sind stumpf und unsere Sicht eingeengt. Die Gegner sind extrem stark und irgendwie basiert alles auf Kampf, Hass, Angst. Eine Insel der Liebe und des Friedens zu finden ist sehr schwer. Weil man ständig angespannt ist, übersieht man die durchaus vorhandenen Oasen manchmal.

Auf der anderen Seite geht es dagegen gechillt zu. Liebe und Freude wohin man schaut. Entspannung, Frieden. Mit einem Gedanken kann man überall und gleichzeitig sein - egal ob auf dem Mond, in einem anderen Universum oder bei den trauernden Hinterbliebenen auf der Erde. Man hat Fähigkeiten, mit denen man sogar Einfluss auf Geschehnisse im Hard Mode nehmen kann. Man ist genau wie auf der diesseitigen Ebene Spieler und Spielfigur. Aber man hat als Spielfigur viel besseren Zugang zum Spieler.

Während ich das schreibe, dreht Chris seine Runde. Er besucht Freunde und Verwandte, Klienten von uns, sogar Menschen, die in ihrem begrenzten Empfinden von sich glauben, sie würden ihn gar nicht mögen. Er hilft Körpern, zu gesunden. Manche sehen ihn. Andere können mit ihm sprechen. Er ist frei, ungebunden, schmerzlos. Umgeben von Liebe, Liebe gebend. Am Ende seines Daseins im Hard-Mode hatte er sein Ziel erreicht.

Chris war schon immer ein Mensch, der anderen helfen wollte und musste. Das lag in ihm. Oft nutzten das andere aus, darüber lachte er nur. Was ihn oft daran hinderte, das zu tun, was er am besten konnte, war er selbst in seinem Körper. Da waren ein großes Ego, das gebändigt werden musste, ein überbordender Intellekt, der viele überrumpelte, eine Sprachgewandtheit, die manchen verwirrte und ein Körper, der oft streikte.

Nicht mehr in diesem Jahr. Das Ego hatte er im Griff, seine Talente setzte er so ein, dass sie niemanden erschreckten aber vielen halfen, sein Körper begann, zu gesunden. Einen Tag vor dem Tod seines Körpers antwortete er erstmals auf meine Frage, wie es ihm gehe: "Gut". Sonst hieß das immer: "Am liebsten gut". Gleichzeitig aber begann er auch, zu verschwinden. Er wurde durchsichtig. Eine Seminarteilnehmerin nannte ihn Gandalf. Tatsächlich hatte er etwas, das an den Zauberer aus "Herr der Ringe" erinnerte. (Chris sah allerdings weit besser aus.) Inzwischen ist mir klar, Chris hatte sein Ziel im Hard Mode erreicht. Jetzt ist wieder Erholung und Spaß angesagt, im leichten Teil des Spiels. Solange, bis es da wieder langweilig wird und er den nächsten Versuch im Hard-Mode startet. Oder bis er die beiden Teile aneinander angepasst hat.

Ich persönlich glaube, dass das möglich ist. Und ich bin überzeugt, dass das unsere eigentliche Aufgabe ist, wenn man überhaupt von Aufgaben sprechen kann, die man zu erfüllen hat. Wir müssen das Spiel ändern. Egal, ob wir im Diesseits oder im Jenseits agieren, das Spiel zu ändern ist die einzige Aufgabe, wenn es eine solche gibt. Dafür tut man auf jeder Seite, was man kann. Und man weiß selbst, wann man das geschafft hat. Manche schreiben Bücher dafür, andere machen Musik oder malen. Dabei ist es egal, ob die Bücher Bestseller werden, die Musik in die Charts kommt oder die Bilder in großen Galerien gezeigt werden - wichtig ist, dass sie geschrieben, komponiert und gemalt werden. Und wenn auch nur einer das Buch liest, oder nur eine Handvoll die Musik hört oder ein Dutzend das Bild anschauen, ist bereits dieser Teil des Spiels verändert worden. Hin zur Liebe, ein weiteres Stück in Richtung Wirklichkeit.

Vorausgesetzt natürlich, diese Dinge sind es, die die Bücher, die Musik und die Bilder vermitteln. Kings Horrorgeschichten zählen sicher nicht dazu, seine besten Bücher dagegen auf jeden Fall. Der "Dunkle Turm" enthält viel Weisheit und zeigt den Weg. Hardrock und Metal haben sicher ihren Sinn. Man kann mit ihrer Hilfe die Angst und den Hass aus sich herausschreien. Das Problem ist nur, man füllt den Platz sofort wieder mit Hass und Angst. Van Morrison, Leonard Cohen oder Beethoven und Bach füllen ihn mit Freude. Und natürlich sind Bilder von Hieronymus Bosch große Kunst. Aber sie hilft uns nicht. Sie macht nur Angst. Ein van Gogh macht glücklich. Dieser tapfere Mann hat seine eigene Angst weggemalt. Manche würden sagen, er wurde letztlich von ihr überwältigt. Doch ist das so? Möglicherweise hatte er seinen Part im Diesseits einfach nur erfüllt. Schaut man seine Bilder an, diese leuchtenden Farben, hat er weit mehr für die Änderung dieses Spiels getan, als es die meisten 80-Jährigen am Ende ihres Daseins hier sagen können. (Sofern sie bis dahin begriffen haben, dass es darum und nur darum geht.)

Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist doch: Warum sollten wir so begrenzt und hilflos bleiben, uns selbst Kummer bereiten und das Leben schwer machen, wenn es doch anders geht? Weder Chris noch ich waren je Freunde eines anstrengenden Spiels. Wir wollten beim Spielen Spaß haben. Wir wollten lachen und einen schönen Abend haben. Mit Freunden reden und Witze reißen, mal ein paar verrückte Sachen machen, dabei eine angemessene Portion Erfolg haben und auf jeden Fall Stress vermeiden.

Es macht einfach keinen Spaß, immer wieder am selben Gegner zu scheitern und stundenlang einen Versuch nach dem anderen zu starten, nur um wieder den gesamten Schlachtzug tot am Boden liegen zu sehen. Man gibt ein Heidengeld für Reparaturen aus, kommt kein Stück weiter, die Spieler werden zunehmend gereizter und letztlich haut einer nach dem anderen ab, weil es inzwischen auch schon Mitternacht ist. Ein erfolgloser Run. Diese Dinge waren es immer, die mir gezeigt haben, dass WoW auch nur eine Art Hamsterrad ist. Jedenfalls, wenn man das Spiel auf diese Weise spielt.

Genau das ist es, was wir in diesem Teil der Welt tun. Wir rennen immer wieder gegen dieselben Mauern, ohne etwas zu erreichen. Wir sind frustriert und verbittert. Wir haben keinen Erfolg. Mit Ausnahme der Pros, die sich derart in das Spiel verbeißen, dass sie nur noch dafür existieren.

Wie viel einfacher wäre es, einen anderen Weg zu gehen? Einfach mal versuchen, die Talente, die wir im Jenseits haben im Diesseits zu entwickeln. Das ist nicht leicht, aber es ist möglich. Es gibt Menschen, die regelmäßig Astralwandeln und andere, die Gegenstände aus der Luft herbeizaubern können. Es gibt Menschen, die sich von zentimeterlangen Klingen durchbohren lassen, ohne dabei verletzt zu werden und andere, die sogar levitieren können. Es gibt Menschen, die einen intensiven Kontakt zu den Wesen im Jenseits haben und es gibt immer mehr, die das auch endlich ernst nehmen und sich nicht mehr einzureden versuchen, dass sie verrückt seien. Wir alle haben diese Talente. Jeder von uns. Aber wir glauben es unbesehen, wenn jemand behauptet, es sei eine besondere Gabe oder nur wenige könnten das und blablabla. Die meisten Medien und Heiler, die jemanden ausbilden, vermitteln, dass es sich um eine besondere Fähigkeit handle, die nur wenige entwickeln könnten. Oder für die jemand anderes ihnen erst einen Zugang öffnen müsste. Welch ein Unfug. Selbst Pascal Voggenhuber, dieser junge sympathische Schweizer, ist allen Ernstes überzeugt, man brauche ein Diplom, um als Medium Kontakt ins Jenseits zu haben. Und selbstverständlich ist der Weg dahin lang, teuer und am Ende warten noch schwere Prüfungen.

Lotte Ingrisch hat den Nagel auf den Kopf getroffen, als sie sagte, man müsse Kinder rechtshemisphärisch unterrichten. Denn in der rechten Hemisphäre sitzt das Irrationale. Links ist die Ratio. Was wir brauchen ist Kunst. Musik, Malerei, Schreiben. Rechnen ist zweitrangig, Physik ist im Prinzip uninteressant, weil ihre Gesetze nur wieder in einem engen Bezugsrahmen zutreffen. (Die Quantenphysik ist die Ausnahme) Naturwissenschaften halten uns im Körper gefangen. Sie hindern uns daran, die Grenzen des Materiellen zu übertreten. Und natürlich ist genau das vom Ego gewollt. Was wäre das Ego ohne Körper? Nicht mehr vorhanden. Eine rechtshemisphärische Bildung würde das Ego massiv bedrohen.

Auch in der Anderswelt, im Jenseits, hat jedes ICH, jede Persönlichkeit, nicht nur einen Teil des Selbst sondern auch noch ein Ego. Doch in dem Maße, wie die Materie feinstofflicher ist, ist das Ego schwächer. Und das Selbst kann das Steuer übernehmen.

Die beiden Teile des Spiels existieren miteinander. Das Jenseits ist nicht wirklich irgendwo weit draußen. Es ist in und um uns herum. Und es wartet nur darauf, dass wir unsere Begrenzung überwinden und endlich in wirklichen Kontakt treten können. Was passiert, wenn wir das Spiel ändern? Wenn wir die beiden Seiten einander so sehr anpassen, dass man sie kaum noch unterscheiden kann? Wenn wir die Liebe leben und die Dualität aufheben?

Dann wird dieses Spiel irgendwann beendet sein. Und erst wenn das geschieht, werden wir wirklich nach Hause gehen. Unser Zuhause ist weder das Diesseits noch das Jenseits. Unser Zuhause liegt außerhalb davon. Beim eigentlichen Spieler. Unserem Selbst, dass dieses Spiel erdacht hat. Und das wir sind. Wer stirbt, bleibt dennoch im Spiel.

Als Chris seinen Skypeaccount vor einigen Jahren einrichtete, erstellte er sich einen eigenen Avatar. Als ich mir diesen Avatar jetzt ansah, begriff ich, dass er genau das darstellt, was er ist. Es zeigt ihn als Engel mit Schmetterlingsflügeln, eine Glückskatze neben sich. Dass es Schmetterlingsflügel sind, ist besonders faszinierend. Denn als er starb, bekam ich das Bild eines Kokons, aus dem ein Schmetterling geschlüpft ist. Und in der Sterbeforschung ist bekannt, dass viele Kinder, die nicht mehr lange zu leben haben, Schmetterlinge malen. Er könne auf dieser Seite mehr bewirken, mehr Einfluss nehmen, hat er einer Freundin geantwortet, die ihn fragte, warum er jetzt gegangen sei.

Ich denke, das trifft auf jeden zu. Auf jeden, der erkannt hat, dass wir das Spiel ändern müssen. Dann geht es nicht mehr darum, den Hard Mode erfolgreich zu absolvieren. Das ist dann lediglich eine Art Selbstbefriedigung. Es geht nur noch darum, das Spiel nachhaltig, grundlegend und wirksam zu ändern.

Manchmal muss man dafür ein paar Dinge in diesem Teil des Spiels tun und manchmal im anderen. Je nachdem, welches Mittel und welche Seite sich gerade anbieten. Nie wird es nur eine Seite des Spiels sein. Denn sie beeinflussen sich gegenseitig. Das ist der Hauptgrund dafür, dass man ab und zu wieder den Hard Mode wählen muss. Auch wenn man eigentlich keine Lust dazu hat. Zum Glück gibt es auch im Normalmodus noch genügend zu tun.

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